Waffengleichheit herstellen

Immer wird es Scharlatane geben, die ihren Kunden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen minderwertige Produkte für gutes Geld verkaufen. Das ärgert natürlich die Anbieter hochwertiger Produkte, weil sie mit ihren Produkten einen viel höheren Aufwand betreiben. Statt beleidigt aufzustampfen, sollten die ehrlichen Händler aber lieber versuchen, von den Scharlatanen zu lernen, was jenen meist ohne Anstrengung von der Hand geht: Marketing.

Bewertungen pushen – Beispiel „KabelDirekt“

KabelDirekt, ein Onlinehändler aus Schenefeld, vertreibt Kabel als Zubehör für Computer und Unterhaltungsgeräte. Ein umkämpfter Markt mit geringen Margen – es sei denn, dass es gelingt, die Kunden glauben zu machen, sie würden etwas ganz besonders Wertvolles für ihr Geld erhalten. Was aber könnte glaubwürdiger wirken, als eine große Anzahl von 5-Sterne-Rezensionen, am besten auf der vorherrschenden Einkaufsplattform Amazon. Und die bekommt man so:

Rezensionen von „Premiumusern“

Interessenten („Premiumuser“) dürfen sich als Produkttester bewerben. „Ausgewählte Kunden erhalten die Möglichkeit, neue und bestehende Produkte kostenfrei zu testen.“

PremiumUserWerden

Voraussetzung für die Teilnahme ist ein aktives Amazonprofil sowie bereits verfasste Rezensionen. Noch besser qualifiziert man sich, wenn man einen Youtube-Channel oder einen Blog betreibt.

 

VerlaufRezensionenUSBKabel2

Wie man an der Anzahl der der positiven Bewertungen und an dem hohen Bewertungsdurchschnitt erkennt, geht das Konzept von KabelDirekt auf. Rezensenten, welche das Produkt kostenlos erhalten haben, fühlen sich verpflichtet und vergeben in der Regel wohlwollend gute Noten, auch wenn das Produkt objektiv minderwertig ist.

Das Produkt ist minderwertig

Für ein Ladekabel ist ein hoher Kupferquerschnitt der Spannungsversorgungsleitungen wesentlich. Je größer der Querschnitt, umso geringer der Spannungsabfall über dem Kabel, umso höher der Ladestrom und umso kürzer die Ladezeit. Aber welcher unbedarfte Tester kennt schon diese Zusammenhänge und wer hat die Möglichkeiten, elektrische Ströme oder gar Querschnitte zu messen? Äußerlich sehen die Kabel hochwertig aus und die Produktbeschreibungen suggerieren Premiumausstattung!

Nichts ist so fein gesponnen,

es kommt doch ans Licht der Sonnen! So auch in diesem Fall. Das hochgelobte USB-Ladekabel besitzt nur ein Drittel von dem Kupferquerschnitt des Wettbewerber-Produktes.

Kabelquerschnitt

Eine peinliche Offenbarung, der KabelDirekt nichts entgegenzusetzen hat, als noch mehr kostenlose Testmuster zu versenden. Aber es hilft nichts: Da 14 Kunden die kritische Renzension als hilfreich bewerten,

KritischeRezension

bleibt sie für jeden Kunden sichtbar prominent an oberster Stelle stehen.

Fazit

Hersteller oder Händler handeln nicht verwerflich, wenn sie ihre Amazon-Rezensionen pushen, indem sie kostenlose Testmuster verteilen. Es ist eine legitime Vorgehensweise, die nur den benachteiligt, der sie nicht nutzt. Sich der Produkttester als Rezensenten zu bedienen bedeutet, Waffengleichheit mit anderen Anbietern herzustellen. Gerade Qualitätshersteller sollten Gebrauch davon machen, damit sie von den Scharlatanen nicht übertrumpft werden.

Betrüger aber, die Premium-Qualität nur vortäuschen, sollten darauf gefasst sein, dass ihr Betrug auffliegt. Die Welt ist zu stark vernetzt, als dass Informationen nach Belieben kontrollierbar wären.